Geschichten   

Übersicht: 

 

 

Flügel

Brüllende Wut

Alte Wünsche

Adlerschwingen

Zugreifen

Das Kleine Denken und die große Schwester Gelassenheit

Der große und der kleine Schlaf

 

 

 

     

 

  

 

Flügel 

Flügel

Ich sitze etwas verträumt und gedankenverloren auf meiner Lieblingsparkbank.

Hinter und über mir raschelt es und die Bäume werfen nach und nach ihre bunten Blätter ab.

Es duftet nach Herbst - etwas rauchig und leicht vermodert. Die Natur zieht sich langsam aber merklich zurück.                               „Ach, schade.“ denke ich. „Nun ist der Sommer vorbei.“ Ein leises Gefühl von der Sehnsucht nach Sonne und Wärme umhüllt mich.

Ich spüre ein leichtes Poltern neben mir, schaue nach links und gucke in zwei lächelnde Augen, etwas spitzbübisch.                     Dann schaue ich genauer hin. Huch, eine Elfe. Sie zeigt nach oben und ruft: „Wer ist zu erst in der Baumkrone?“ Und zack, ist sie auch schon weg. „Wo bleibst du denn?“ ruft sie einen Moment später. Und sie ist schon wieder auf dem Weg zurück zu mir. „Ich war schon fast oben!“

Ich drehe mich etwas zur Seite und zeige ihr meinen Rücken. „Oh“ meint sie nur. Ich blicke etwas traurig und sage:                           "Ich habe meine Flügel gestutzt.“ Nun schaut sie sich meinen Rücken etwas genauer an. „Da klebt was!“ schreit sie mit ihrer hellen, lauten Stimme. „Dein linker Flügel ist festgeklebt. Irgendwie fixiert. Mit einem schwarzen Aufkleber. Ich knibbel den mal ab. Ok?“ „Klar“, rufe ich. Aber innerlich sträube ich mich etwas dagegen. Der Aufkleber hat mich ja schliesslich mein Leben lang begleitet. Irgendwie habe ich den lieb gewonnen. Das sage ich ihr aber natürlich nicht.

Sie zeigt mir den Aufkleber. Ich lese laut vor: „Ich muss.“ Oh. Na, der kann aber wirklich mal langsam weg. Und sofort spüre ich meinen linken Flügel. Wie schöööön. Und ich erinnere mich daran, wie ich ihn als Kind bewundert habe. So feingliedrig. Und in der Sonne hat er kunterbunt geschimmert.

„Hm“ meint die Elfe. „Auf deinem rechten Flügel steht auch noch etwas.“ „Was denn?“ seufze ich. „Ich darf nicht." antwortet sie. "Das ist schon etwas schwieriger“ entgegnet die kleine Elfe. Sie verharrt einen Moment und überlegt angestrengt.

„Der Satz ist irgendwie eintätowiert. Komm, wir verbinden uns und denken gemeinsam gaaaanz fest an die Liebe und an Freiheit und alles ist ganz hell und voller Licht.“ Sie nimmt meine Hand und kaum haben wir damit begonnen an all das Schöne und Positive zu denken, erscheint ein Lichtstrahl und überschreibt meine alte Aussage. 

Ein neuer Schriftzug entsteht: Ich darf! Ich spüre wie das Blut langsam und ganz sanft in meine Flügel einströmt. Ein leichtes Ziehen und Kribbeln. Dann recke und strecke ich mich und ein warmes Lächeln überzieht mein Gesicht.

Die Elfe hilft mir auf, schiebt mich von hinten etwas an und stützt mich. Der erste Flug! Noch etwas unsicher und wackelig. Aber ich spüre sie schon, diese neue Freiheit. Tun und lassen zu dürfen, was ich möchte. Sein zu dürfen, wer ich bin und mir alles, wirklich alles zu erlauben.

Die kleine Elfe ist so schnell weg, wie sie gekommen ist. „Bis morgen“ ruft sie mir noch winkend aus der Ferne zu.                       „Dann treffen wir uns wieder hier und fliegen hoch in den Baum. Und wir springen und hüpfen von Blatt zu Blatt.“

Ich lächle und winke wie verrückt und vor lauter Freude und Vorfreude hebe ich mit einem festen Flügelschlag noch mal kurz vom Boden ab. 

Fantastisch. Und ich denke immer und immer wieder: „Flügel. Flügel. FLÜGEL.“

 

 

Brüllende Wut

Brüllende Wut

Sonntagabend. Ich will es mir gerade auf dem Sofa bequem machen und einen Bericht über Skandinavien schauen….da klopft es an der Tür.

Ich öffne die Tür….und sehe niemanden. Vom Boden kommt ein leichtes Fauchen.

Ein kleiner Löwe. Huch. „Ja, was machst du denn hier?“ frage ich ihn freudig überrascht. Ist der süüüss. Ganz seidiges Fell. Kulleraugen.

„Ich bin deine Wut.“ kommt als leise Antwort. „Och nö“, denke ich. „Jetzt nicht. Komm doch morgen wieder. Oder übermorgen.“ Zu meiner Überraschung nickt er und löst sich in Luft auf. Huch. Merkwürdig.

Aber ich ahne schon, was er mir sagen will. „Morgen“, denke ich noch mal, stelle den Fernseher an und habe ihn schon fast wieder vergessen.

Der nächste Tag ist gefüllt mit Arztbesuch, einkaufen, putzen und Co. Und ich denke nicht einen Moment an den kleinen Löwen vor meiner Tür. Aber irgendwie bemerke ich ein Ziehen und Brummeln in meinem Bauch. Hm. Muss wohl an der Pizza liegen, die ich vorhin zwischen Tür und Angel vertilgt habe.

Und am Tag darauf ist es nicht ein Klopfen, welches mich aus dem Schlaf zerrt…sondern ein penetrantes Türklingeln.                   Ich taumele zur Tür und öffne diese. Genervt und ärgerlich. Und was soll ich sagen….wer steht da vor mir?!

Ein grosser, brüllender Löwe. Puh. Auch das noch. Ok. Jetzt habe ich wohl keine andere Wahl. Muss mich mit ihm befassen.       Ich lasse ihn rein. Mache mir aber erst mal einen Kaffee und sammle mich kurz.

Wut. Brüllende Wut. Meine lebenslange Begleiterin. Was will sie jetzt schon wieder? Ach, irgendwie wäre ich ja doch froh, wenn sie sich irgendwann mal ganz in Luft auflösen würde. Am liebsten jetzt gleich. 

Kaum wende ich mich diesem mächtigen Löwen zu, beginnen auch schon meine Gedanken zu rattern und zu toben.                       Ein kleiner Tornado ist da auch in meiner inneren Welt. Und nun weiss ich auch, worum es geht:

Handeln. Nicht-Handeln-Können. Seufz.

Vorgestern hatte ich mal wieder eine Situation, von der ich mich völlig überfordert gefühlt habe. Ich konnte einfach nicht handeln! Es ging um´s Verrecken nicht. 

Alle Welt sagt, man solle ins Handeln kommen. Man müsse Veränderungen herbeiführen, wenn man unzufrieden mit sich und der (Um-)Welt ist. Ja, da ist bestimmt was dran….

Aber…: Ist das wirklich alles? 

Warum haben genau damit so viele Menschen Probleme? Und ich auch! Ich müsste, könnte, sollte….. Machen, Tun, Handeln.

Was hält mich davon ab? Heute kommt mir also meine brüllende Wut zu Hilfe. Die Wut, die ich vorgestern so stark gespürt habe.

Ich habe das Gefühl, dass mein Nicht-Handeln-Können noch an einem uralten Anker festhängt. Ein Anker, der mich immer wieder zurückzieht und vom heutigen Tun abhält. Wie komme ich nur an den dran?? Es muss doch eine ganz einfache Möglichkeit geben diese blöden Anker zu finden und aufzulösen! Ohne die hundertste Therapiestunde. Ohne dass ich 3x täglich meditiere und positive Affirmationen spreche. 

Ich schaue den Löwen an und frage ihn, ob er eine Idee hat. Er blickt zum Sessel. Gibt mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich mich mal hinsetzen soll.

Ok, probiere ich mal etwas Neues aus. Und komme dabei nicht ins hektische Tun, in die Beschäftigung und Ablenkung. Sondern heute setze ich mich mal in Ruhe hin. Passives Handeln sozusagen. Einige Male tiefe Bauchatmung. Das bringt mich etwas runter. Ich erschaffe mir eine Wohlfühlatmosphäre. Soweit das geht mit einem wütenden Löwen im Zimmer. Ach, er liegt jetzt ganz entspannt in der Ecke und döst. Gut.  

Dann stelle ich mir die Situation von vorgestern vor: Dass ich in dieser bestimmten Situation einfach nicht aktiv sein konnte. Dass ich Angst vor ihr hatte. Und ich meine jetzt nicht dieses bisschen Angst, das man einfach so überwinden kann..sondern grosse Angst, diese riesige Hürde vor der ich immer wieder stehe. 

Und nun lasse ich alle Bilder und Emotionen zu. Und ich komme ins Fühlen. Lasse es laufen. Uralte Bilder tauchen auf.                 Ich lasse sie zu - ohne zu werten. Ohne zu urteilen. Ohne etwas verändern zu wollen. Ohne mich in meinen Gedanken und Erinnerungen zu verstricken. Ich nehme eine innere Haltung ein, dass alles ok ist, wie es ist. Auch ( und gerade! ) das Dunkle und die „negativen“ Emotionen lasse ich zu. 

„Das ist das pure Sein“ sagt eine Stimme in mir. Oder war das der Löwe?!

Und es ist genau das, was meine Seele möchte. Alles, wirklich alles, fühlen. Wenn ich das zulasse IST wirklich alles ok.               Auch wenn es einige Zeit weh tut. Tränen aufkommen. Denn erst jetzt kommen die ganzen Emotionen hoch, die ich damals unterdrückt habe. Die ich in der Situation nicht fühlen konnte. 

Für einen Teil in mir ist das immer noch recht schwierig. Er will das nicht zulassen. Will immer Friede-Freude-Eierkuchen.             Er will urteilen in gut und schlecht. In Schuld. In richtig und falsch. Ein "alles ist ok wie es ist" gibt es für diesen Anteil in mir nicht.

Und plötzlich nehme ich eine Position von etwas weiter oben ein. Blicke auf mich und die Situation herab. Beobachte. Und am Ende, nach einigen Minuten, ist da wieder dieses sanfte Lächeln in meinem Gesicht. Und ich weiss: für den Moment ist alles getan. Die Situation löst sich auf. Verpufft. 

Irgendwie ist diese neue Erfahrung ja doch auch eine aktive Handlung: Denn ich stelle meinen Stuhl einige Meter von der alten Situation entfernt auf und beobachte. Lasse eine neue Perspektive zu. Handeln 2.0 sozusagen. Inneres Handeln. Ohne mich zu bewegen. Wenn ich es mir recht überlege ist es weniger ein Handeln und mehr ein Zulassen.

Brüllen ist also nicht immer aggressiv, laut und schreckhaft. Brüllen ist auch sich zu sagen: Alles darf sein. Alles ist ok. Akzeptanz. Annahme. Das ist sozusagen der weise, weibliche Löwe. Der passive Part.

Erkenntnis des Tages: Frieden mit dem wütenden, brüllenden Löwen schliessen. Vielleicht tut er ja nur so. Und will einfach, dass ich mal wieder genauer hinsehe. Auf mich. Und auf das was mich zurückhält. Fauch!

 







Alte Wünsche

Alte Wünsche

Eines schönen Tages sitzt Marie nach einem langen Spaziergang auf einer Bank am Flussufer. Sie schaut den Segelbooten in der Ferne zu und ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit überkommt sie. Kinder spielen am gegenüber liegenden Ufer. Das freudige Lachen wird zu ihr herüber getragen. 

Marie ist tief in ihren Gedanken versunken und sie überlegt sich, was sie als Kind wohl für Wünsche hatte. Was sie gerne getan oder gehabt hätte. Da fällt ihr ein, dass es Wünsche gibt, die sie bis heute begleiten. Die sie einfach irgendwie noch mit sich herumträgt, noch nicht losgelassen hat. Obwohl das doch Wünsche sind, die gar nicht mehr zu ihr passen. Aus denen sie längst heraus gewachsen ist. 

Und immer wenn ihr so ein alter Wunsch über den Weg läuft, macht sie ein ganz besonderes Ritual: 

Sie setzt sich ruhig hin, nimmt ein paar tiefe Atemzüge und dann stellt sie sich ein Holzboot vor. Und einen Fluss. Meistens ist das Boot gar nicht gross. Es passen 2-3 Personen hinein. Und dieses Boot hat weder Motor, noch Ruder. Ein Boot, welches man einfach zu Wasser lässt und welches dann vom Fluss und der Strömung fortgetragen wird. 

Heute ist da ein uralter Wunsch an den sie sich erinnert. So gerne hat sie sich als Kind ein jüngeres Brüderchen gewünscht. Einen Freund zum Spielen. Einen Bruder, den sie beschützen kann. Der einfach so ist wie sie.  

Und nun setzt sie diesen kleinen Jungen gedanklich in ein rotes Holzboot und sagt dann noch still einige Worte, die ihr gerade in den Sinn kommen. Worte des Abschieds und alles was ihr zu diesem Wunsch noch einfällt. Alte Bedürfnisse sind da auch noch. Dann ist sie soweit und lässt das Boot in Gedanken ins Wasser gleiten. Sie winkt noch lächelnd hinterher. Und das Boot wird langsam und gemächlich mit der Strömung fortgetragen. 

Häufig ist es so, dass mit dem Loslassen des Bootes auch einige Tränen in ihr aufsteigen. Heute ist das auch so. Und heute schmecken diese Tränen so, wie das Wasser des Flusses.

Und es passiert noch etwas ganz Besonders. Sie sieht, wie das Boot nach einiger Zeit sanft an Land gleitet und wie der Junge aussteigt. Jetzt ist es allerdings kein Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann. Und Marie kommt es so vor, als hätte dieser kleine Junge eine andere Familie gefunden, in der er aufgewachsen ist. 

Nachdem Marie diese alten Wünsche losgelassen hat, fühlt sie sich auch immer etwas leichter und befreiter rund um ihre Herzgegend. 

Sie kommt mit einem tiefen Loslass-Seufzer zurück in den Moment und lässt den Blick über den Fluss vor sich gleiten. Schaut nochmals zu den fröhlich spielenden Kindern hinüber und geht dann weiter ihres Weges. Geniesst die Sonne in ihrem Rücken und die deutlich spürbare Erleichterung in ihrem Herzen.

  

 

 

                           Adlerschwingen

Adlerschwingen

Gebrüll im Ohr, im Kopf und irgendwie auch in meinem gesamten Sein: Tinnitus.

Ich lege mich aufs Sofa und versuche mich mit Hilfe einer Meditation zu entspannen. Eine beruhigende Stimme und leise Musik lassen mich etwas zur Ruhe kommen. Meinen Fokus lenke ich auf die Atmung und auf meine beiden Lungenflügel. Mit jedem Atemzug steige ich tiefer in mich selber ein. 

Und plötzlich bemerke ich, dass da ein Adler in meinen Lungen ist. Er reckt und streckt seine steifen Flügel. Ganz langsam und behutsam. Er scheint aus einer Art tiefem Winterschlaf zu kommen. Mit jedem meiner Luftzüge erwacht er mehr zum Leben.

Ich nehme ihm die Kappe vom Kopf und löse die beiden Bänder, die an seinen Krallen befestigt sind.

Er macht ein, zwei starke Flügelschläge und landet plötzlich auf meinem Unterarm, den ich zuvor instinktiv ausgestreckt habe. Und dann sagt er, dass er sich freut, dass ich endlich aufgewacht bin. „Hm…“, denke ich, „...merkwürdig: Du bist doch gerade erwacht, und nicht ich.“ 

Ich beobachte ihn nun erst einmal genauer. Es ist ein wunderschönes Tier. Er wirkt so unendlich kraftvoll und strahlt ein enormes Gefühl von Freiheit aus.

Er schlägt noch einige Male mit den Flügeln und wird dabei ganz gross. So gross, dass ich auf seinem Rücken Platz habe. 

Ich schwinge mich auf ihn und wir fliegen in Kreisen über den nahe gelegenen Wald. Plötzlich ist eine ganze Formation aus Adlern um uns herum. Wie ein Vogelschwarm aus Kranichen fliegen wir in einem V über die weite Landschaft.

Und so schnell wie sich die ganze Szene aufgebaut hat, ist sie auch schon wieder vorbei. Mit tränenfeuchtem Gesicht liege ich auf dem Sofa und frage mich, was das jetzt gerade wieder war.

Und das Piepen im Ohr erinnert mich daran, dass ich wieder in der Realität angekommen bin.

 

 

 

Zugreifen

Zugreifen

Ich schreite langsam über eine grüne, weite Wiese. Es summt und brummt und die Sonne strahlt. Bunte Blumen überall. Mhhhh, ich liebe diese Wildblumen- und Streuobstwiesen.

Ich sehe einen schönen, alten Apfelbaum. Seine Äste sind ganz knorrig und die Rinde hat diese tiefen Furchen, die ich so mag. Hat wohl schon viel erlebt, dieser alte Baum.

Was würde er wohl für eine Geschichte erzählen, wenn er könnte? Vielleicht redet er in einer Art und Weise, die wir Menschen nicht verstehen?! Ich habe das Gefühl, dass er sich irgendwie bemerkbar machen möchte. 

Er neigt sich etwas zur Seite, kommt mir näher. Ein Apfel direkt in meiner Nähe. Zum Greifen nah. Ein Zweiter ist auch nicht weit entfernt. Ich höre eine leise Stimme, die sagt: „Greif zu.“ Ich drehe mich um, und frage mich, wer sich da so rücksichtsvoll und leise angenähert hat.

Niemand zu sehen. Auch hinter dem Stamm hat sich niemand versteckt. Und plötzlich habe ich wieder dieses sanfte Lächeln im Gesicht: Ach so… das ist wieder so eine sonderbare, nein: eine aussergewöhnliche Begegnung.

Der Baum fragt mich, welchen Apfel ich jetzt gerade brauche. Welcher Apfel mir jetzt gerade gut tun würde. Ich wähle einen schönen roten Apfel und will zugreifen. Da lächelt der Baum und sagt: „Ich meine nicht Farbe oder Form. Ich frage dich, welche Art von Apfel du gerade brauchst.“

Ich schaue leicht verwirrt. Der Baum schmunzelt. Kennt er wohl schon. Diese fragenden Augen der Menschen. Und nun erzählt er ein bisschen von sich:

„Ich bin der Baum des Lebens. Jeder Apfel ist etwas besonders. Schmeckt ein bisschen anders als die anderen. Und er schenkt den Menschen mit dem ersten Bissen unterschiedliche Empfindungen. Der rote Apfel steht für eine zärtliche Umarmung. Der Grüne bedeutet Hoffnung. Also immer gut in Zeiten, wenn es mal nicht so läuft. Der rötlichgrüne Apfel steht für Aktivität. Der Gelbe für Genuss.“

„Manche schmecken säuerlich“, erzählt er voller Begeisterung weiter und schüttelt sich etwas dabei. „Andere wieder lieblich, einige schmecken etwas mehlig und verstaubt. In einigen ist der Wurm drin. Wieder andere lassen sich in keine Form pressen, sie sind etwas eigen. Andere sind noch ganz klein und brauchen Dünger in Form von Zuwendung und Licht um zu wachsen.“ „Ach“, sagt der Baum des Lebens: „Es gibt noch so viele Verschiedene.“

Mir wird ein bisschen schwindelig von dieser grossen Auswahl.

Nehme ich jetzt den Roten? Oder doch lieber den Abenteuer-Apfel? Vielleicht sollte ich die Leiter nehmen, die am Baum lehnt, und den Gelben pflücken, der ganz auf der Sonnenseite des Baumes wächst? Der hängt aber ganz oben. Ach, die Auswahl ist einfach zu gross. Ich kann mich mal wieder gar nicht entscheiden. Was tut mir gut? Was brauche ich?

Der Baum erzählt noch etwas mehr: „Jeder Apfel hat eine Licht- und eine Schattenseite. Die Schattenseite seht ihr Menschen ja oft nicht so gern. Weder nach innen - für sich selbst - noch zeigt ihr sie im Aussen gern.“

„Und denke daran, dass auch ich in Dürrezeiten Hilfe von Aussen benötige. In den Sommermonaten kommt der Bauer manchmal täglich und giesst mir eine kalte, feuchte Brise über die Füsse. Ich sage ihm dann immer er solle nicht so geizig sein. Und machmal kommt er noch ein zweites Mal und bringt einen weiteren Eimer Wasser. Dann ächzt er und grummelt etwas. Aber ich weiss ganz genau, dass er das gerne für mich macht.“

„Häufig lehnt er sich danach an meinen alten Stamm und geniesst im Schatten einige Schlucke von dem erfrischenden Wasser. Dann sage ich immer: „Siehst du…Schatten ist gar nicht immer schlecht. Es kommt meistens auf die Betrachtung an. Und auch auf die Situation.“

„Im Herbst geniesst der Bauer natürlich jeden Sonnenstrahl und stellt einen klapprigen, alten Holzstuhl in meiner Nähe auf. Dann staunt er über die kunterbunten Blätter, die überall am Boden liegen. Wenn es seine alten Knochen zulassen springt er sogar manchmal auf und versucht ein Blatt zu fangen, wenn es gerade herunterfällt. Dann schüttele ich mich leicht und ein kleiner Blattberg rieselt herunter. Darüber freut sich der Bauer dann wie ein Kind und kichert.“

Häufig hebt er einen leicht angedötschten Apfel vom Boden auf und sagt: „In meinem Alter passt der hier sehr gut zu mir. Aber damals…als ich jünger war……“ und er erzählt weiter von seinen Erlebnissen von damals.

Der Baum hält sich währenddessen die Ohren zu, schliesst die Augen und schüttelt leicht den Kopf. „Nicht schon wieder diese alten Geschichten…“ säuselt er. Und trotzdem grinst er über den ganzen Stamm und bis in die letzte Astspitze hinein.

Er umarmt den alten Mann liebevoll und freut sich schon jetzt auf die Zeit nach der Winterruhe. Wenn es wieder summt und blüht und eine neue Generation Äpfel heranwächst. Dann erlaubt er sich den Spass und ändert die Farben der Äpfel. Grün ist dann Genuss und Rot Hoffnung. Und die Kinder aus der näheren Umgebung freuen sich über diesen kleinen Schabernack.

„Und“ fragt er ganz zum Schluss. „Welchen Apfel wählst du?“

Und ich greife nach dem Grünen.

 

Das Kleine Denken 

und die große Schwester Gelassenheit

Das Kleine Denken und die große Schwester Gelassenheit

Das Geschwisterpaar „Kleines Denken“ und seine grosse Schwester „Gelassenheit“ sitzen eines Wintertages in der warmen und gemütlichen Stube. Draussen ist es bitter kalt. Grossmutter Gertrude hat gerade ein Feuer im Ofen entzündet. Es knistert und knackt nur so vor sich hin. Herrlich. Und auf dem Ofen köchelt und blubbert nun ein leckeres Essen. Mh - wie das duftet!

Der Wind pfeift ums Haus und das Kleine Denken ist wieder einmal so richtig nervös und unruhig. Es wollte etwas Tun! Ihm war so laaangweilig. Ständig hatte der kleine Junge Hummeln im Hintern und wollte Abenteuer erleben.

Dann sagte das Kleine Denken zu seiner großen Schwester: „Dass du da immer stundenlang sitzen und malen kannst ...wie langweilig! Ich will etwas erleben.“

Die grosse Schwester hob nur kurz den Kopf, lächelte und malte weiter an ihrem neuen Bild: eine Schneelandschaft in Norwegen. Sie hatte gestern im Fernsehen einen Bericht über ein Huskyrennen gesehen und wollte versuchen diese wundervollen Tiere mit ihrem Schlittenhundeführer, dem Musher, zu malen.

Grossmutter hatte gesagt, dass es heute aber nun wirklich zu kalt war um hinaus zu gehen. Das Kleine Denken hatte geseufzt und war ganz unglücklich darüber. Es musste sich nun einmal ganz viel bewegen, damit es ihm gut ging. Seine Schwester hatte es da besser. Sie setzt sich einfach an den Küchentisch und schaut der Grossmutter beim Kochen zu. „Gelassenheit“ eben. Der Name passte so richtig gut zu ihr.

Nun kam das Kleine Denken aber mal so richtig in Fahrt. Stieg über Stühle und Bänke, spielte mit dem Feuerholz und dachte sich ein neues Abenteuer aus:

„Wenn ich gross bin werde ich auch ein Hundeschlittenführer“, sagte das Kleine Denken. Und es überlegt wie es das wohl so machen würde: 

„Ich brauche mindestens zehn Hunde! Sechs für den Schlitten und die restlichen vier dürfen sich im Wechsel ausruhen.“

Nachdem das Kleine Denken laut überlegt hatte, ob es besser wäre, Rüden oder Hündinnen im Gespann zu haben, sagte seine grosse Schwester:

„Am besten wäre es sicherlich, wenn du von beiden welche hättest. Du brauchst die Hündinnen wegen ihres ausgezeichneten Gespürs und die Rüden um ein kraftvolles Gespann zu haben.“

Und dann fiel dem Mädchen ein, dass es genau so immer die Grossmama sagt. Beides sei wichtig. Der männliche Anteil und auch der Weibliche. Das Maskuline bringt Kraft und Abenteuerlust mit sich, das Feminine beinhaltet das Weiche, Sich-Kümmernde, Wärmende und Liebende. Und Grossmama sagt sogar, dass in jedem Menschen ein Anteil von beiden steckt. Da hatte das Geschwisterpaar aber geschrien. Wollte doch keiner von beiden so sein wie der andere!

Grossmama hatte daraufhin erklärt, dass das aber ganz wichtig sei.

„Hört mal zu“, sagte Oma Gertrude. Und sie wandte sich an die grosse Schwester. „Wenn du ein Bild malst - was tätest du da wohl ohne den männlichen Anteil, der deinen Stift hält?“ Dann drehte sie sich zu ihrem kleinen Enkel um und sagte „Und du, was tätest du ohne deinen weiblichen Anteil, der sich diese ganzen tollen Abenteuer auszudenkt. Deine Fantasie ist das Weibliche.“

Da staunten die beiden aber nicht schlecht.

Naja, so lange der Junge keine Mädchenkleider tragen muss und das Mädchen keinen Fussball spielen muss ist das ok für die beiden.

Wieder einmal sind die Geschwister erstaunt darüber, wie schlau doch ihre Grossmutter ist. Und wie toll sie das immer alles erklären kann.

Hm - war das nun der männliche oder weibliche Anteil in ihr, der das so gut kann?!   

Oma sagt immer, dass das männliche Prinzip in dieser Welt überwiegt: Kontrolle, Macht, Kampf. Und dass es an der Zeit ist, dass sich das ändert. Das Weibliche sei auf dem Vormarsch. Es sei so wichtig in dieser Zeit: Vertrauen, Wärme, Mitgefühl.

Oma sagt aber auch, dass die Männer Angst hätten ihre Macht zu verlieren. Sie wollen weiterkämpfen. Egal ob in der Politik oder sonstwo. Und dass sich die Corona-Pandemie in den Ländern so stark ausbreitet, in denen viel Macht herrscht. So wie in China. Und dass die Länder besser mit dem Virus klar kommen, die naturverbundener sind, die mehr Vertrauen in sich und ihre Mitmenschen haben. So wie in Island.

Das verstanden die beiden nun alles nicht so... aber wenn die Oma das sagt, dann wird das schon stimmen. Sie kommt bei diesem Thema immer so richtig in Fahrt. So kennen die beiden ihre Oma eigentlich gar nicht. Sonst ist sie immer vollkommen ausgeglichen und rücksichtsvoll und liebt alle Menschen.

„Eigenverantwortung und Vertrauen“ nennt sie dieses Virus.

 

 

Der große und der kleine Schlaf

Der große und der kleine Schlaf

Der kleine Schlaf war heute wieder besonders unruhig. Er hatte schlecht geschlafen. Er ist so angespannt in letzter Zeit und der Wind draußen hat ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Er reibt sich den Schlafsand aus den Augen und kuschelt sich an den großen Schlaf. Und er fühlt sich schon ein bisschen wohler.

„Ach“, sagt der kleine zum großen Schlaf „wenn ich doch so ruhig und entspannt wäre du wie, dann würde es mir jetzt noch besser gehen.“ Der große Schlaf schloss weise seine Augen und lächelte sanft. Das erinnerte ihn an sich selber, als er noch klein war. Er nahm den kleinen Schlaf in die Arme und wiegte ihn ganz sanft. Dabei kitzelte er ihn mit seinem buschigen, grauen Bart. Der kleine Schlaf kicherte.
 

Dann erzählte der große Schlaf dem kleinen Schlaf eine Geschichte aus seiner eigenen Kindheit. Er hatte nämlich auch ganz oft schlecht geschlafen. Vor allem  wenn es draußen windig war. Der Wind, so hatte er erkannt, sind eigentlich seine eigenen Gedanken. Und wenn ihm viele Gedanken durch den Kopf schiessen, ist der Wind halt wieder mal sehr stark. Manchmal sogar so heftig wie ein Orkan.

Dann bleibt kein Gedanke auf dem anderen. Und das ist auch gut so. Manchmal braucht es einfach eine neue Ordnung. Dann können ruhig mal einige hinderliche Gedanken aus dem Kopf fliegen. Und die guten Gedanken können bleiben.

Gute Gedanken sind nämlich wichtig, damit der Schlaf zur Ruhe kommt. Und sich wohl fühlt. Klar...auch schlechte Gedanken dürfen sein. Wenn man sich ärgert oder so. Aber die dürfen dann nicht so stark werden, dass sie den Schlaf aus dem Gleichgewicht bringen. Der große, alte Schlaf wurde von seinen Gedanken nämlich schon oft aus dem eigenen Bett geworfen. Heute passiert ihm das nicht mehr. Denn heute gibt es einfach nichts mehr zu tun. Das haben ihm die Schafe beigebracht, von denen er immer träumt. Schafe nehmen alles einfach so hin wie es ist. Die Menschen würden sagen: sie bewerten nichts. Und wo es nichts zu bewerten und zu bemäkeln gibt, da kehrt schnell Ruhe ein.

Das alles erzählte er dem kleinen Schlaf und dann streckte er sich lang und breit auf seinem kuscheligen Sofa aus. Nahm eine flauschige Decke und machte es sich so richtig bequem. „Waaas?“ rief der kleine Schlaf entsetzt, „du kannst doch jetzt nicht schlafen! Ich will noch eine Geschichte aus deiner Kindheit hören. Von dir kann ich immer sooo viel lernen.“

Und er sprang und hüpfte nur so auf dem großen, alten Schlaf herum. Und während er sprang, schlüpften ganz viele Gedanken aus ihm heraus und sprangen mit ihm um die Wette. Die traurigen Gedanken sammelte er vom Boden auf, denn sie waren sehr schwer und fielen direkt auf den weichen Teppich. Er machte einen Schneeball daraus und warf sie aus dem Fenster. Sollten sich doch die Kinder mit dem Schnee vergnügen.

Dann waren die traurigen Gedanken wenigstens noch zu etwas Nütze. Ganz leicht und locker sammelte er dann alle guten Gedanken wieder ein. Er musste ganz schön herumspringen um alle einzufangen, denn die guten Gedanken sind ganz leicht und sehen aus wie die weissen, kleinen Flieger der Pusteblume.

Er öffnete sein Herz, legte die weisse Blume aus Gedanken vorsichtig hinein. Und es entstand ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit und Wärme. „Ach“, sagte der kleine Schlaf. „Ich mache auch ein Nickerchen.“ Und er legte sich zu dem großen Schlaf unter die Decke und sie schnarchten gemeinsam, selig aneinander gekuschelt.

 

©Copyright. Bilder, Texte und Fotos von Stefanie Bräunig